»Katholische Schulen fördern soziale Spaltung«

In Nordrhein-Westfalen sind ein Drittel aller Grundschulen in kirchlicher Hand - bezahlt mit Steuergeldern. Gespräch mit Norbert Müller

Norbert Müller ist Grundschullehrer und stellvertretender Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Nordrhein-Westfalen
Ralf Wurzbacher

Spiegel online schrieb dieser Tage über einen »grotesken Glaubensstreit « in Nordrhein-Westfalen: An einem Drittel der Schulen zähle bei der Einschulung der Taufschein mehr als die Nähe zum Wohnort. Was steckt dahinter?

Der fragliche Artikel stellt die Lage sehr überspitzt dar. Richtig ist, daß die Religionszugehörigkeit bei einem Drittel der Schulen das entscheidende Auswahlkriterium bei der Einschulung sein könnte. In der Praxis ist das beschriebene Problem, daß einzelne ungetaufte Kinder abgewiesen werden, bislang aber nur selten aufgetreten.

Aber trotzdem kritisieren Sie die Zustände?

Wir sehen sehr wohl die Gefahr, daß sich solche Fälle in Zukunft häufen könnten. Und leider hat die Politik die Weichen dafür auch gestellt: Seit dem Schuljahr 2008/09 ist ein neues Gesetz in Kraft, mit dem die Schulbezirksgrenzen gefallen sind. Das heißt, Eltern haben neuerdings die freie Wahl, innerhalb einer Kommune jede x-beliebige Grundschule für ihr Kind auszusuchen – ganz egal, wie weit diese vom Wohnort entfernt liegt. Das kann dazu führen, daß bestimmte Schulen in sozial besser gestellten Gegenden und mit geringem Migrantenanteil überrannt werden, während denen in sozialen Brennpunkten die Schüler davonlaufen.

Und dann könnte der Taufschein zur Eintrittskarte für die bessere Schule werden?

Womöglich spielt das künftig zumindest eine größere Rolle. Bisher ist es so, daß auch die Konfessionsschulen froh darüber sind, angesichts rückläufiger Schülerzahlen ihre Klassen vollzubekommen. Und dafür werden dann auch Kinder anderer oder ohne Religionszugehörigkeit aufgenommen.
Nach den Zahlen des zuständigen Landesministeriums waren im Schuljahr 2007/08 an katholischen Grundschulen 38 Prozent der Kinder nichtkatholischen und darunter acht Prozent islamischen Glaubens.

Nun könnte sich das mit dem Wegfall der Schulbezirksgrenzen aber ändern. Wie wurde das von den CDU-FDP-Regierenden begründet?

Angeblich soll damit das Elternrecht gestärkt werden. Es ist bisher schon so, daß sich in sozialen Brennpunkten mit bis zu 80 Prozent Migrantenanteil Kinder aus der gehobenen Mittelschicht ganz selten in staatlichen Schulen finden. Häufig weichen sie statt dessen in Konfessionsschulen aus, einfach weil dort der Migrantenanteil und der Anteil von Kindern aus Hartz-IV-Familien viel geringer ist. Mit dem neuen Schulgesetz haben sich die Auswahlmöglichkeiten der Eltern weiter vergrößert. Sie können jetzt problemlos eine andere Gemeinschaftsschule wählen. Die Aufspaltung in »gute« und »schlechte« Schulen verläuft also vor allem entlang sozialer Trennlinien.

Bekenntnisschulen haben in NRW und Niedersachen eine Sonderrolle. Worin besteht die?

Der Bestand dieser Schulen ist von der Landesverfassung garantiert, und nur mit einer Zweidrittelmehrheit ließe sich das ändern. Trotz ihres religiösen Profils befinden sie sich in hundertprozentiger staatlicher oder kommunaler Trägerschaft, und entsprechend werden sie auch voll staatlich finanziert.

Von den 3500 Grundschulen des Landes sind 1100 katholisch und 111 evangelisch. Die GEW hat immer kritisiert, daß speziell die katholischen Schulen unter der Hand mit ihrem geringen Ausländeranteil werben und damit die soziale Spaltung der Gesellschaft schon im Kindesalter fördern.
Regt sich kein Widerstand gegen die Zustände?

Wir sind sehr gespannt auf die nächsten Anmeldezahlen. Dann wird sich zeigen, ob die Flucht aus den sozialen Brennpunktschulen weiter zunimmt. Gemeinschaftsgrundschulen in den gutbürgerlichen Stadtteilen und Konfessionsschulen gleichermaßen hätten dann verstärkt das Problem von Überanmeldungen durch Auswahlverfahren zu bewältigen.
Wir halten die Konstruktion, daß es zwei Kategorien von Grundschulen gibt, für integrationsfeindlich. Gerade vor dem Hintergrund massiver Ausgrenzungstendenzen in unserer Gesellschaft ist es unerträglich, daß die katholische Kirche ihre Pfründe weiter sichern darf. Eine politische Initiative zur Beseitigung dieses Zustands ist leider nach wie vor nicht in Sicht.